„Heldinnen sind immer schön und dünn“

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Noch nie haben sich Mädchen und Frauen so viel fotografiert und digital optimiert. Wer in sozialen Medien erfolgreich sein will, muss bestimmten Vorgaben entsprechen – und Klischees bedienen.

Die linke Brust vom Trenchcoat nur knapp verhüllt, Kussmund vor dem Pariser Eiffelturm oder Kaffeepause im knappen Bademantel: Willkommen auf dem Instagram-Account von Stefanie Giesinger, 2014 Gewinnerin der Castingshow „Germany‘s Next Topmodel“ (GNTM) und mit 3,7 Millionen Abonnenten deutsche Top-Ten-Influencerin. YouTube-Sternchen wie Bianca Heinicke, die den Kanal „BibisBeautyPalace“ mit 5,8 Millionen Abonnenten betreibt, oder Dagmara Nicole Ochmanczyk, die als „Dagi Bee“ vier Millionen gefällt, zeigen sich zwar hochgeschlossen, sind aber vor allem durch ihren Einsatz als Werbefläche für Make-up populär.

Kurz: Die neuen Heldinnen vieler junger Mädchen sind frauenpolitisch ein Albtraum. Zwar gibt es etliche feministische Webseiten, und der Hashtag #Aufschrei zeigte 2013, wie im Netz gesellschaftliche Debatten gestartet werden können. Dennoch ist aktuell ein rückwärtsgewandtes Frauenbild verbreitet.

„Es gibt eine extreme Verengung der Schönheitsideale, eine immer ähnlichere Inszenierung in vermeintlich perfekter Form.“ (Maya Götz)

Das soll vor allem sexy sein: Das zufällig überkreuzte Bein, der s-förmig gebogene Körper, der Blick über die Schulter oder der angewinkelte Arm mit Hand im Haar werden zigfach kopiert – typische Posen, die die Medienwissenschaftlerin Maya Götz für die Studie „Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien“ der MaLisa-Stiftung bei Instagram-Influencerinnen ausmachte. Die eigenen Selfies werden Filter für Filter angepasst: 70 Prozent der Befragten optimieren Haut und Haare, 47 Prozent färben ihren Teint dunkler, 38 Prozent ihre Zähne heller, 33 Prozent ziehen den Bauch flacher.

„Es gibt eine extreme Verengung der Schönheitsideale, eine immer ähnlichere Inszenierung in vermeintlich perfekter Form“, sagt Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk. Stereotype verfestigten sich so. „Was sich bei Instagram abspielt, ist sexistisch. Mädchen werden auf ihren Körper begrenzt, und der muss verändert werden, bis er so aussieht, wie er gar nicht aussieht.“ Hinter diesem Selbstbild, dem sich junge Frauen freiwillig unterwerfen, steht ein Markt, in dem mit Klischees Geld verdient wird. Wer sich als Influencerin finanzieren will, muss das mit Themen wie Mode, Kosmetik, Ernährung oder Lifestyle tun. Und selbst ins Bild passen: „Heldinnen sind immer schön und dünn“, sagt Götz.

Eine Vorstellung, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat. „Das fängt schon damit an, wie wir Mädchen sozialisieren, und schon in der Kita hervorheben, wenn ein Mädchen ein schönes Kleid trägt.“ Damit werde bereits signalisiert: „Das Entscheidende an dir ist dein Aussehen.“ Götz fordert: „Wir müssen zeigen, dass es Vielfalt gibt, und Wege finden, das Körperbild wieder natürlich zurechtzubiegen. Nur eine von 40.000 Frauen hat einen Körper wie die ‚GNTM‘-Kandidatinnen.“

„Solche Identitätsfragen sind nicht Teil des Schulstoffes. Wir haben bisher speziell mit Blick auf Instagram auch keine geeigneten Unterrichtsmaterialien.“

Teenager müssten ermuntert werden, solchen Darstellungen zu widersprechen. Zwar gebe es Positivbeispiele wie die Aktivistin Greta Thunberg, die ehemaligen Stars des chinesischen Videoportals TikTok, Lisa und Lena, oder das XL-Model Fine Bauer, dies seien jedoch Ausnahmen. Lehrkräfte können nach Einschätzung von Götz indes nur begrenzt Einfluss nehmen: „Solche Identitätsfragen sind nicht Teil des Schulstoffes. Wir haben bisher speziell mit Blick auf Instagram auch keine geeigneten Unterrichtsmaterialien.“

Mit der Studie „Selbstermächtigung oder Normierung?“ analysierte die MaLisa-Stiftung auch das Geschlechterverhältnis und die Frauenbilder auf You-Tube: In den Top 1.000 kommen auf drei Männer eine Frau, in den Top 100 ist das Verhältnis 2:1. Auch dort reproduzieren erfolgreiche Kanäle Stereotype: Frauen beraten in Schönheitsfragen, Männer bedienen von Unterhaltung bis Politik alle Themen, wie die Medienwissenschaftlerin Claudia Wegener, Professorin an der Filmuniversität Babelsberg, und Elisabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock, bilanzieren. Ihre Interviews mit YouTuberinnen ergaben zudem: Das zur Schau gestellte konservative Frauenbild ist – wie bei Instagram – auch ein Anpassen an den Druck, sich durch Werbepartner zu finanzieren. Durch den Fokus auf eher belanglose Themen lassen sich zudem Hasskommentare umgehen.

Auch wenn mehr Diversität notwendig sei, sieht Wegener keine einseitige Medienwirkung: „YouTube ist nur ein Aspekt im Leben Jugendlicher, das Medium allein verfestigt keine Stereotype.“ Zudem sei das Schwärmen für Stars des Portals auf eine gewisse Altersgruppe und damit zeitlich begrenzt. „Letztendlich muss man Jugendlichen ihre Welten lassen, das war schon immer so.“ Wichtig sei es aber, klar durchschaubar zu erklären, dass die Welt der sozialen Medien inszeniert und von Markt-mechanismen bestimmt sei. Lehrkräfte müssten zudem alternative Rollenbilder aufzeigen. Auch bei YouTube gebe es dazu viele Angebote, wenn auch nicht in den Top-Playlisten. Als Beispiele nennt Wegener die Chemikerin Mai Thi Nguyễn-Kim und deren Kanäle mit wissenschaftlichen Themen und Lernvideos oder die Finanzexpertin Hazel mit „Pocket Money“.

„Wir müssen uns gesamtgesellschaftlich hinterfragen. Solange es überall Stereotype gibt, verschwinden die auch nicht aus der Gamesbranche.“ (Linda Kruse)

Die Games-Industrie startete inzwischen die Kampagne „Hier spielt Vielfalt“, die auch die Gleichberechtigung der Geschlechter fördern will. Der Frauenanteil der Branche liege bei rund 26 Prozent, doch nur wenige davon arbeiteten in Positionen, an denen sie Einfluss auf die Gestaltung von Spielen nehmen könnten, sagt die Vizevorsitzende des Verbands der deutschen Games-Branche (game), Linda Kruse. Zwar habe sich mit Blick auf die klischeehafte Darstellung von Frauen in Games und die in erster Linie für Männer konzipierten Inhalte schon einiges getan. „Trotzdem kann und sollte man noch viel verbessern.“ Die Gründerin des Kölner Game-Studios the Good Evil wünscht sich etwa mehr Entwicklerinnen, „das wäre der direkteste Weg zu mehr Diversität“. Das Hauptproblem sei jedoch: „Wir müssen uns gesamtgesellschaftlich hinterfragen. Solange es überall Stereotype gibt, verschwinden die auch nicht aus der Gamesbranche.“

Veröffentlicht in der Märzausgabe 2020 der „Erziehung und Wissenschaft“ und am 9. März 2020 auf GEW.de