Rechte Anfeindungen gegen Forschende nehmen zu

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Hassmails, Telefonterror, körperliche Gewalt – die Angriffe richteten sich nicht nur gegen einzelne Personen, sondern die Wissenschaft als solche, sagt die Rechtsextremismusforscherin Juliane Lang.

Nach einem Medieninterview, in dem sie über die Beteiligung von Rechtsextremen an den Bauernprotesten sprach, wurde eine Agrarwissenschaftlerin massiv attackiert – von Hassmails und Telefonterror über Diffamierungsvideos im Netz bis zu konkreten Drohungen und tatsächlicher körperlicher Gewalt. Ein Professor für Demokratie- und Diktaturforschung erhielt an seiner Universität ein Schreiben mit dem Bild einer Pistole und dem Satz „geht ins Ohr, bleibt im Kopf“. Eine Energieökonomin wird seit Jahren auf Social-Media-Plattformen von der extremen Rechten angefeindet und bekam ebenfalls bereits Morddrohungen.

Diese schockierenden Vorfälle sind in der Publikation „Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft“ des Forschungsprojektes GERDEA an der Justus-Liebig-Universität Gießen aufgelistet. Sie sind längst keine Einzelfälle mehr: Anfeindungen rechtsextremer Akteur*innen gegen Forschende haben in den vergangenen zehn Jahren nach Einschätzung der Gießener Rechtsextremismusforscherin Juliane Lang zugenommen. Diese richteten sich nicht mehr nur gegen die Rechtsextremismusforschung oder einzelne Personen, sondern die Wissenschaft als solche, sagt sie.

Ziel sei „die Idee einer offenen, kritischen und demokratischen Wissenschaft selbst“, heißt es auch in der GERDEA-Handreichung, die Projektleiterin und Mitautorin Lang bei der 13. GEW-Wissenschaftskonferenz „Wissenschaft unter Druck: Perspektiven der akademischen Freiheit“ am 2. Oktober in Erfurt vorstellen wird. Die Anfeindungen bestünden nicht mehr nur aus anonymen Kommentaren zu wissenschaftlichen Studien in den sozialen Medien, sondern erfolgten mittlerweile direkt aus der Parteispitze der AfD, sagt Lang.

Dabei gehe es nicht alleine darum, Kritik an einzelnen Positionen zu formulieren, sondern beispielsweise die Sozialwissenschaften, die ins Feindbild extrem rechter Parteien fallen, nach ihren Vorstellungen umzugestalten und etwa die Gender Studies ganz abzuschaffen.

Lang betont zudem: „Aus dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen merke ich, dass überall dort, wo Frauen im Fokus stehen, sich Kritik und Schmähkritik nicht alleine auf ihre inhaltliche Arbeit beziehen, sondern oftmals auch auf ihr Sein als Frau in der Wissenschaft. Ähnlich geht es Kolleginnen mit sichtbarer oder angenommener Migrationsgeschichte.“

„Wir überlegen – müssen sehr genau überlegen – , an welcher Stelle wir uns in öffentliche Debatten einbringen.“

Die extreme Rechte zielt mit den Anfeindungen auf Einschüchterung und letztlich Einschränkung gesellschaftskritischer Wissenschaft. Einige Forschende berichten laut dem GERDEA-Projekt von Sorgen mit Blick auf die Kommunikation der eigenen Erkenntnisse oder ziehen sich sogar aus der Öffentlichkeit zurück. Lang kann dies nicht quantifizieren, bestätigt aber: „Wir überlegen – müssen sehr genau überlegen –, an welcher Stelle wir uns in öffentliche Debatten einbringen. Das läuft dem zuwider, dass Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern sich gesellschaftlich einmischen soll.“

„An vielen Hochschulen werden rechte, rassistische oder antifeministische Vorfälle nicht systematisch monitorisiert oder gar veröffentlicht. Das sind Zahlen, die uns fehlen.“

Die gemeinsam mit dem Bundesverband Mobile Beratung entstandene Publikation gibt auch zehn Empfehlungen für den Umgang mit rechten und rechtsextremen Anfeindungen. Lang nennt als Beispiel einen bedachten Umgang mit persönlichen Daten: So müssten Wissenschaftler*innen nicht zwingend mit Foto und Anschrift im Netz zu finden sein, es könne auch der Hinweis auf ein Sekretariat reichen. „Wichtig ist auch zu wissen, an wen ich mich wenden kann, etwa wenn eine Anwaltskanzlei eine Unterlassungsaufforderung schickt.“ Darüber hinaus sei es grundsätzlich sinnvoll, frühzeitig Unterstützungsstrukturen aufzubauen.

Da die Hochschulen immer mehr wissenschaftsfeindliche Anfeindungen verzeichneten, sei auf Seiten der Einrichtungen aber schon einiges in Bewegung gekommen: „Es setzt eine Professionalisierung im Umgang damit ein.“ Lang wünscht sich von den Universitäten einen proaktiven Umgang. Dazu gehöre es, Vorfälle überhaupt zu dokumentieren. „An vielen Hochschulen werden rechte, rassistische oder antifeministische Vorfälle nicht systematisch monitorisiert oder gar veröffentlicht. Das sind Zahlen, die uns fehlen.“ Aus der Arbeit der Mobilen Beratungsteams sei bekannt: „Ich kann erst damit arbeiten, wovon ich weiß.“

Problem bei Befristungen

Ein spezielles Problem stellen Forschende dar, die in befristeten Forschungsprojekten arbeiten, was mehr und mehr die Regel ist, wie Lang erklärt, die davon selbst betroffen ist. Kommt es nach Ende des Projektes zu Anfeindungen oder sogenannten SLAPP-Klagen rechter und rechtsextremer Akteur*innen, und die Wissenschaftler*innen sind nicht mehr an der Hochschule angestellt, haben sie oft deren arbeitsrechtlichen Schutz nicht mehr.

Veröffentlicht auf GEW.de am 17. September 2026 und in der Oktoberausgabe der „Erziehung und Wissenschaft“ (E&W)