
Demokratie bedeute auch die Verpflichtung zum konstruktiven Mitgestalten, sagt die Sozialpsychologin und Mitherausgeberin der „MitteStudie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Prof. Beate Küpper.
- E&W: Welches Ergebnis der jüngsten Befragungen hat Sie überrascht? Und welches besonders alarmiert?
Prof. Beate Küpper: Überraschend war der Rückgang eines geschlossenen rechtsextremen Weltbildes auf 3,3 Prozent der Befragten. Das Niveau liegt zwar immer noch über dem vor der Pandemie, aber nicht mehr so dramatisch. Alarmierend ist nach wie vor der stabile Graubereich von 20 Prozent: Das sind Menschen, die nicht klar demokratisch eingestellt sind. Sie stimmen Aussagen wie „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ zumindest teilweise zu. Beide Zahlen zusammengerechnet ergeben fast ein Viertel der Bevölkerung. Das zeigt Normalisierungsprozesse: Man gewöhnt sich an rechtsextreme Positionen. Ein Begriff wie Remigration geht vielen heute relativ flüssig von den Lippen. Diese Gewöhnung ist auch eine Unterstützung des Rechtsextremismus‘. Wenn zugleich 30 Prozent sagen, die AfD sei eine Partei wie alle anderen auch, dann müssen wir genau hinsehen. Dabei sind 76 Prozent eindeutig demokratisch – und fast die Hälfte der Befragten ist bereit, selbst etwas gegen Rechtsextremismus zu tun.
- E&W: Die Mehrheit der Befragten wünscht sich mehr politische Bildung: Mangelt es daran tatsächlich?
Küpper: Immer auf die jungen Leute zu gucken, ist ein bisschen zu einfach. Aber wir wissen, dass politische Bildung in den vergangenen Jahrzehnten runtergeschraubt wurde. Es gibt Bürgerinnen und Bürger, die gehen wählen, ohne eine Ahnung zu haben, was sie da tun. Mir fehlt, dass das Wählen mit Verantwortung einhergeht. Wenn ich meine Stimme abgebe, dann stehe ich auch in der Verantwortung für das, was ich wähle. Demokratie heißt nicht nur Anspruch auf Mitentscheidung, sondern auch Verpflichtung zum konstruktiven Mitgestalten. Die klassischen Einflussmöglichkeiten, die es gibt, werden aber immer weniger genutzt. Die Menschen, die sich zivilgesellschaftlich für die Gesellschaft und die Demokratie engagieren, erhalten nicht immer ausreichend Unterstützung, sind sogar Angriffen und Bedrohung ausgesetzt. Demokratie braucht einen kritischen Blick, aber wir dürfen sie nicht nur kaputtmeckern.
- E&W: Welchen Beitrag können und sollten Schulen leisten?
Küpper: Es wurde nicht nur der Anteil der politischen Bildung am Unterrichtsangebot der Schulen abgebaut, auch der Anteil der politischen Bildung in der Ausbildung der Lehrkräfte an den Universitäten ist kleiner geworden. Fachdidaktik ab dem ersten Semester geht zu Lasten der Demokratiebildung. Wir wissen aus anderen Studien, dass sich nur rund die Hälfte der Referendarinnen und Referendare zuständig und befähigt fühlt, politische Bildung zu unterrichten. Lehrkräfte müssen aber nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch demokratische Werte vermitteln. Schulen könnten regelmäßig Fachtage veranstalten, um gemeinschaftlich zu überlegen, wie sie ihre Grundwerte und ihr Leitbild im Schulalltag umsetzen. Etliche machen das schon, aber da ist noch Luft nach oben. Da sind die Schulleitungen gefragt, indem sie Raum dafür schaffen.
- E&W: Ein aktuell wichtiges Thema ist der Umgang mit dem vermeintlichen Gebot politischer Neutralität in der Schule. Viele Lehrkräfte sind verunsichert, was sie sagen dürfen und was nicht.
Küpper: Politische Neutralität in einer liberalen Demokratie bedeutet nicht, dass Lehrkräfte keine politische Bildung vermitteln sollen. Sie dürfen nur nicht für eine bestimmte Partei werben. Sie sollen aber Wahlprogramme analysieren und mit den Schülerinnen und Schülern darüber diskutieren. Das ist zentral für Bildung und Erziehung der Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg zur Selbstverantwortung. Den Wert und die Bedeutung politischer Bildung noch einmal klar zu machen und Demokratie zu üben, kann Lehrkräften mehr Sicherheit geben und gleichzeitig junge Menschen befähigen, politisch selbstständig zu denken und verantwortlich zu handeln.
Veröffentlicht auf GEW.de am 10. März 2026 und in der Märzausgabe der Zeitschrift „Erziehung & Wissenschaft“.